Polarisationstheorie Beispiel Essay

Die Polarisationstheorien als Erklärungsansatz für wirtschaftliches Wachstum und Entwicklung stehen im Gegensatz zur neoklassischen Gleichgewichtstheorie. Denn Polarisationstheorien begründen sich auf der Annahme, dass längerfristige räumliche Ungleichgewichte existieren (z.B. durch Agglomerationsvorteilen), die sich im Zeitverlauf durch wirtschaftliche und soziale Prozesse sogar noch verstärken können. Sie versuchen also, die wirtschaftliche Dynamik aus der Branchen- und Siedlungsstruktur zu erklären.
Bisher ist keine geschlossene Theorie der polarisierten Entwicklung entwickelt worden. In den verschiedenen Ansätzen wird jedoch die Annahme vertreten, dass die auftretenden Ungleichgewichte einen zirkulär verursachten kumulativen Entwicklungsprozess in Gang setzen, der zu einer Verstärkung der Ungleichgewichte, d. h. zu einer regionalen und/oder sektoralen Polarisation führt.
Polarisationstheorien werden nach der Art der Polarisation in sektorale und regionale Theorien differenziert.

Polarisationstheorien betonen folgende Aspekte:

  • Interregionale Unterschiede der internen Wachstumsdeterminanten
  • Partielle Immobilität der Wachstumsdeterminanten
  • Interregionale Abhängigkeit regionaler Wachstumsprozesse
  • Oligopolitische und monopolitische Marktstrukturen

Sektorale Polarisation

Schumpeter argumentierte bereits 1911, dass grundlegende technische Neuerungen in einer Branche zu einem regelrechten Boom von Unternehmen führen. Auf dieser These aufbauend entwickelte Perroux Anfang der 1950er Jahre das Konzept des Wachstumspols. Die Kernaussage dieses Ansatzes lautet, dass wirtschaftliches Wachstum sektoral ungleichgewichtig verläuft, also bestimmte Sektoren schneller wachsen als andere. Durch Innovationen entwickelt sich die Wirtschaft "wellenförmig". Grundlegende Innovationen in bestimmten Branchen bewirken hohe Nettoinvestitionen und ein überdurchschnittliches Wachstum.
Von besonderer Bedeutung sind Branchen, die sich – gemessen am Bruttoproduktionswert oder am Marktanteil – durch eine quantitativ bedeutende Größe auszeichnen, die ein hohes Wachstum aufzeigen, die stark mit anderen Wirtschaftsbereichen verflochten sind und die eine dominante Machtposition vertreten. Solche Branchen (wie z.B. die Automobilindustrie) werden von Perroux als sektorale Wachstumspole oder motorische Einheiten bezeichnet. Sektorale Wachstumspole üben auf die abhängigen Wirtschaftsbereiche Anstoß- und Bremseffekte aus, die das wirtschaftliche Wachstum positiv oder negativ beeinflussen. Sie verstärken den Polarisationsprozess.

Kritiker der sektoralen Polarisationstheorie bemängeln im Wesentlichen folgende Aspekte:

  • Stark vereinfachte Darstellung des sektoral differenzierten Wirtschaftswachstums
  • Widersprüchliche und irreführende Begriffsdefinitionen
  • Unkonkrete Aussagen hinsichtlich der Stärke der Anstoß- und Bremseffekte
  • Vernachlässigung der räumlichen Wirkungen der sektoralen Wachstumspole

Regionale Polarisation

In den 1960er Jahren übertrugen Boudeville und Lasuén den Gedanken der sektoralen Polarisation auf die räumliche Ebene. Sind motorische Einheiten einschließlich ihrer Zulieferer räumlich in einer Region konzentriert, so resultieren daraus produktionsbedingte regionale Verflechtungen, vervielfältigte regionale Einkommenseffekte und Anstöße zu Investitionen und Neugründungen vor Ort. Lasuén fand u.a. auch heraus, dass Innovationen am schnellsten in urbanen Zentren erfasst werden und sich von dort aus in das Umland ausbreiten.
Auch die Polarisationstheorie von Mydral (1957) hat einen eindeutigen Raumbezug. Wirtschaftliche Entwicklung bzw. Unterentwicklung auf nationaler und internationaler Ebene wird durch die Hypothese der zirkulären Verursachung eines kumulativen sozioökonomischen Prozesses erklärt. Durch die Veränderung der Wirtschaftsfaktoren (Nachfrage, Einkommen, Investitionen und Produktion) wird ein sog. kumulativer Prozess in Gang gesetzt. Die Veränderung eines Faktors zieht die Veränderung eines weiteren Faktors nach sich. Eine positive Veränderung verursacht einen Wachstumsprozess, eine negative Veränderung einen Schrumpfungsprozess.
Das Ausmaß der nationalen bzw. internationalen Ungleichgewichte und der Verlauf des räumlich differenzierten Entwicklungsprozesses hängt davon ab, ob und inwieweit den Entzugseffekten ("backwash effects") Ausbreitungseffekte ("spread effects") entgegenwirken und so zu Wachstumseffekten in einer Region führen. Entzugseffekte sind alle negativen Veränderungen, die die wirtschaftliche Expansion eines Zentrums in anderen Regionen hervorruft (z. B. Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, Standortverlagerung von Betrieben etc.). Ausbreitungseffekte sind hingegen alle positiven Veränderungen (z. B. Ausbreitung des technischen Wissens und städtischer Verhaltensweisen). Der kumulative Prozess festigt die räumliche Differenzierung in Wachstumszentren und in Regionen, die hinter der allgemeinen Entwicklung zurückbleiben, auch wenn durch die Ausbreitungseffekte aus den Zentren erhebliche Vorteile entstehen.

Als Kritik an der regionalen Polarisationstheorie sind folgende Punkte anzuführen:

  • Die Entstehung der wirtschaftlichen Ungleichgewichte wird nicht modellintern, sondern über externe Faktoren erklärt.
  • Die räumliche Verteilung der Wachstums- und Rückstandsregionen wird als weitgehend historisch zufällig angesehen.
  • Die Ausführungen über die Stärke der Entzugs- und Ausbreitungseffekte lassen keine abschließenden Aussagen über deren Auswirkungen auf den räumlichen Differenzierungsprozess zu.

Literatur

Bathelt, G. u. J. Glückler (2003): Wirtschaftsgeographie.Ökonomische Beziehungen in räumlicher Perspektive. 2., korrigierte Auflage. Stuttgart.
Myrdal, G. (1974): Ökonomische Theorie und unterentwickelte Regionen. Frankfurt/Main.
Schätzl, L. (2001): Wirtschaftsgeographie 1 - Theorie. 8., überarbeitete Auflage. 158-168. Paderborn, München, Wien, Zürich.



Quellenangaben:
Quelle: Geographie Infothek
Autor: Jutta Henke, Wiebke Hebold
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2004
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 31.05.2012


Zurück zur Terrasse

Inhaltsverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

II. Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition von Sonderwirtschaftszonen
2.1 Die Evolution von Sonderwirtschaftszonen
2.2 Eigenschaften und Ziele von Sonderwirtschaftszonen
2.2.1 Instrumentarium in Sonderwirtschaftszonen
2.3 Typisierung von Sonderwirtschaftszonen
2.3.1 Typisierung nach Gabrisch
2.3.2 Typisierung nach Röhl
2.3.3 Typisierung nach Guangwen
2.3.4 Fazit
2.4 Sonderwirtschaftszonen und Globalisierung
2.4.1 Die Globalisierung
2.4.2 Einfluss der wachsenden wirtschaftlichen Verflechtungen auf Sonderwirtschaftszonen

3. Theoretische Grundlagen
3.1 Die Wachstumspoltheorie
3.2 Die Exportbasis- Theorie
3.3 Technologietransfer und Spill- over- Effekt
3.3.1 Der Technologietransfer
3.3.2 Der Spill- over- Effekt
3.4 Außenhandelspolitik
3.5 Neoklassische Wachstumstheorie
3.5.1 Wachstumsausgleich durch Faktorwanderung
3.5.2 Wachstumsausgleich durch interregionalen Handel
3.5.3 Fazit

4. Die Bedeutung von Direktinvestitionen für Sonderwirtschaftszonen
4.1 Globale Unternehmensaktivitäten
4.1.1 Motive für Direktinvestitionen
4.1.1.1 Marktstrategien
4.1.1.2 Ressourcenstrategien
4.1.1.3 Effizienzstrategien
4.1.1.4 Wertstrategien
4.2 Wirkungen von ausländischen Direktinvestitionen
4.3 Räumliche Verteilung von ausländischen Direktinvestitionen

5. Internationale Beispiele für Sonderwirtschaftszonen
5.1 Die Sonderwirtschaftszonen Polens
5.1.1 Der Transformationsprozess in Mittel- und Osteuropa
5.1.1.1 Polen im Transformationsprozess
5.1.2 Die gegenwärtige wirtschaftliche Situation in Polen
5.1.2.1 Einfluss der EU- Osterweiterung
5.1.2.2 Direktinvestitionen in Polen
5.1.3 Rechtliche Grundlagen der polnischen Sonderwirtschaftszonen
5.1.4 Ziele
5.1.5 Maßnahmen zur Zielerreichung
5.1.6 Wirkungen
5.1.7 Schlussfolgerungen
5.2 Die Sonderwirtschaftszonen der Volksrepublik China
5.2.1 Die Wirtschaftspolitik Chinas seit dem 2. Weltkrieg
5.2.1.1 Wirtschaftspolitik bis zum Ende der 70er Jahre
5.2.1.2 Die wirtschaftspolitische Öffnung
5.2.1.2.1 Liberalisierung des Außenhandels
5.2.1.2.2 Wachstumspolpolitik in China
5.2.2 Wirtschaftliche Entwicklung Chinas
5.2.2.1 Direktinvestitionen in China
5.2.3 Entwicklung von Sonderwirtschaftszonen
5.2.4 Die „Special Economic Zones“
5.2.4.1 Unterscheidung zum Konzept der Export Processing Zones
5.2.4.2 Ziele und Maßnahmen zur Zielerreichung
5.2.4.3 Entwicklung der SEZs
5.2.4.3.1 Ausgangssituationen in den SEZs
5.2.4.3.2 Potentielle positive und negative Effekte der SEZs
5.2.4.3.3 Reale Entwicklung der SEZs
5.2.4.3.3.1 Bevölkerungsentwicklung
5.2.4.3.3.2 Bruttoinlandprodukt
5.2.4.3.3.3 Beschäftigung
5.2.4.3.3.4 Außenhandel
5.2.4.3.3.5 Ausländische Direktinvestitionen
5.2.5 Schlussfolgerungen
5.3. Die Sonderwirtschaftszonen Großbritannien
5.3.1 Die wirtschaftliche Ausgangssituation
5.3.1.1 „North- South- Divide
5.3.1.2 „Inner- City- Problem
5.3.2 Wirtschaftsförderungs- und Stadterneuerungspolitik im „Thatcherismus“
5.3.3 Das Konzept der Enterprise Zones in Großbritannien
5.3.3.1 Charakterisierung des Enterprise Zone- Modells
5.3.3.1.1 Standortkriterien und Auswahl der Enterprise Zones
5.3.3.1.2 Ziele der und Maßnahmen zur Zielerreichung
5.3.4 Entwicklung der Enterprise Zones
5.3.4.1 Unternehmensansiedlungen
5.3.4.2 Arbeitsmarkteffekte
5.3.4.3 Standort- und Struktureffekte
5.3.5 Schlussfolgerungen

6. Sonderwirtschaftszonen – Instrument der Regionalentwicklung in Ostdeutschland? 98 6.1 Regionalpolitik in Ostdeutschland
6.2 Wirtschaftliche Entwicklung nach der Wiedervereinigung
6.2.1 Wirtschaftsleistung und –struktur
6.2.2 Demographische Entwicklungen
6.2.3 Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt
6.2.4 Schlussfolgerung: Wachstumsaussichten ostdeutscher Regionen
6.3 Regionalpolitische Reformen
6.3.1 Errichtung einer „SWZ Ost“ – Chancen für eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung
6.3.1.1 Rechtliche Rahmenbedingungen
6.3.1.2 Maßnahmenbündel
6.3.1.2.1 Deregulierungsoffensive
6.3.1.2.2 Förderalismusreform
6.3.1.2.3 Niedriglohnsektor
6.3.1.2.4 Steuerliche Anreize
6.3.1.2.5 Konzentration auf Wachstumskerne
6.2.3 Fazit

7. Zusammenfassung

III. Literaturverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Evolutionary Model of Free economic Zones since the 1500s

Abb.2: Verteilung von export processing zones in Entwicklungsländern (Stand: 1994)

Abb.3: Das Enklaven- Modell von export processing zones (EPZs)

Abb.4: Territorial and Regime Types of FEZs and their typical zones

Abb.5: Entwicklung der ausländischen Direktinvestitionen und des BSP weltweit

Abb.6: Welthandelströme im Jahr 2000

Abb.7: Rückkoppelungsschleifen der Neoklassik und der Polarisationstheorie

Abb.8: Wirkungsweise des Exportbasismultiplikators im Export- Basis- Konzept

Abb.9: Gleichgewicht des Kapitalbestandes

Abb.10: Herkunft und Ziel von ausländischen Direktinvestitionen

Abb.11: Lage der Sonderwirtschaftszonen in Polen

Abb.12: Aufteilung der Sonderwirtschaftszone Lodz in mehrere Subzonen

Abb.13: Produktivität (je Erwerbstätigen), Lohnkosten (je Erwerbstätigen) und Lohnstückkosten in der Industrie, 2001 (Deutschland = 100)

Abb.14: ausländische Direktinvestitionen in Polen (in Mrd. US-$)

Abb.15: Verschiedene Faktoren und Relevanzkoeffizienten für ein Engagement in Polen (Stand: 2001) 45 Abb.16: Beispiel des Genehmigungsverfahrens in der Waldenburger Sonderwirtschaftszone (WSEZ) „Invest- Park“

Abb.17: Entwicklung der Im- und Exporte Chinas (1978-2004) (Mrd. US-$)

Abb.18: Die vier Wachstumspolachsen Chinas in der Regionalentwicklung seit den 80er Jahren

Abb.19: Jährliches Wirtschaftswachstum Chinas und der Welt (1996-2004) (Veränderung des realen BIP gegenüber Vorjahr in %)

Abb.20: starke regionale Ungleichheiten in China

Abb.21: Zufluss ausländischer Direktinvestitionen in China (1984-2004) (in Mrd. US-$)

Abb.22: Öffnung industrieller Sektoren im Rahmen der „Open Policy“ in China seit den 80er Jahren

Abb.23: Standorte der 5 SEZs in China

Abb.24: Verflechtungen der SEZs mit China und der Welt

Abb.25: Verwaltungsstruktur der SEZs in China

Abb.26: Bevölkerungsentwicklung in den SEZs 1979-1997 (Mio.)

Abb.27: Reales BIP in den SEZs 1979-1997 in Mrd. Yuan

Abb.28: Beitrag der Wirtschaftssektoren zum BIP der SEZs

Abb.29: Anteil der Beschäftigten an der Bevölkerung der SEZs

Abb.30: Bedeutung des Imports in den SEZs und Anteil am chinesischen Import (1980-1997)

Abb.31: Bedeutung des Exports in den SEZs und Anteil am chinesischen Export (1980-1997)

Abb.32: Zufluss von ADI in SEZs und Anteil an ADI in China (1984-1997)

Abb.33: Migrationsprozess in Großbritannien 1976-1986

Abb.34: Standorte der Enterprise Zones (1. und 2. Generation) England und Wales

Abb.35: Zu- und Abnahme von Betrieben in Städten/ Gemeinden und Counties unter dem Einfluss von EZs (1984-1990)

Abb.36: Anteil der Arbeitsplätze in den EZs an der Gesamtzahl der Arbeitsplätze in den Arbeitsmarktregionen

Abb.37: Lokalisationsquotient der Arbeitslosenquoten (1990/1984) in den Arbeitsmarktregionen mit EZs

Abb.38: Standort- und Struktureffekte in Städten mit EZs (Shift- Analyse)

Abb.39: Überblick über Enterprise Zone- Konzept mit Auslösern, Maßnahmen und Effekten

Abb.40: Nettotransfers nach Ostdeutschland

Abb.41: reales BIP, Veränderung gegenüber Vorjahr (in %)

Abb.42: BIP je Einwohner 2003 (in 1.000 €)

Abb.43: Ost- West- Migration und Wanderungssaldo

Abb.44: Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland

Abb.45: Wachstumsprognose für Ostdeutschland

Abb.46: Investitionsquote der ostdeutschen Länder (in % der Ausgaben)

Abb.47: Arbeitskosten im internationalen Vergleich

II. Tabellenverzeichnis

Tab.1: Sonderwirtschaftszonen und deren Ziele

Tab.2: Typologie von Sonderwirtschaftszonen

Tab.3: Typologie von Sonderwirtschaftszonen (nach Röhl)

Tab.4: Quantitatives Wachstum von EPZs in verschiedenen Regionen im Zeitraum 1979-1997

Tab.5: Anteil einzelner Ländergruppen an den Weltexporten

Tab.6: ökonomische/ entwicklungspolitische Wirkungen von ADI in Entwicklungsländern

Tab.7: Verteilung der ADI auf Zielregionen (1986-1990 und 2003), Angaben in %

Tab.8: Wirtschaftsentwicklung Polens im Transformationsprozess

Tab.9: wichtige gesamtwirtschaftliche Indikatoren

Tab.10: Charakteristische Kennziffern der 14 polnischen Sonderwirtschaftszonen

Tab.11: Zusammensetzung der chinesischen Exporte (1990-2000), Angaben in %

Tab.12: Standortverteilung verschiedener Sonderwirtschaftszonen auf die drei Großregionen

Tab.13: Vergleich von typischen EPZs und den chinesischen SEZs

Tab.14: Potentielle positive und negative Effekte der SEZs

Tab.15: Herkunftsländer der ADI in den SEZs 1997

Tab.16: Enterprise Zones Großbritanniens (1. und 2. Generation) im Jahr 1993

Tab.17: Förderung aus europ. Strukturfonds in den neuen Bundesländern (NBL)

Tab.18: wirtschaftlicher und sozialer Aufholprozess Ostdeutschlands (1991-2003)

1. Einleitung

Im Rahmen der vorliegenden Projektarbeit soll geklärt werden, in wie weit die Errichtung von Sonderwirtschaftszonen ein probates Mittel ist, positiv auf das wirtschaftliche Geschehen einzuwirken. Diese Fragestellung soll nach der Analyse ausgewählter Fallbeispiele auf Ostdeutschland bezogen werden. Die Ursache dafür ist die wirtschaftliche Entwicklung dieser Region. Diese entspricht im Allgemeinen nicht dem, was sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nach den bisherigen finanziellen Anstrengungen vom Aufbau Ost versprochen haben. Ostdeutschland hat trotz der immensen finanziellen Zuschüssen aus dem EU- Fördertopf und den alten Bundesländern Anfang der 90er Jahre den Status eines Problemgebietes in EU- Raum immer noch nicht hinter sich lassen können. Von einem selbsttragenden Aufschwung ist die Region auch angesichts der anhaltenden Stagnation der gesamtdeutschen Wirtschaft weit entfernt. Das hat in der Vergangenheit des Öfteren zu öffentlichen Debatten darüber geführt, ob die bisherige Mittelwahl zur Überwindung des Stillstandes im wirtschaftlichen Aufholprozess die richtige ist, oder ob eventuell auch andere Wege eingeschlagen werden sollten. In diesem Zusammenhang ist das Konzept einer „Sonderwirtschaftszone“ des Öfteren erwähnt worden1.

Um bewerten zu können, ob eine ostdeutsche Sonderwirtschaftszone Erfolg versprechend ist, werden auf dem Weg dahin bereits vorhandene Konzepte zur Herausbildung von Sonderwirtschaftszonen betrachtet. Des Weiteren werden die regionale Umsetzung sowie die wirtschaftliche Effizienz existierender Sonderwirtschaftszonen berücksichtigt.

Um einen einleitenden Überblick über die Thematik „Sonderwirtschaftszone“ zu geben, erfolgt im ersten Abschnitt eine begriffliche Klärung. Des Weiteren wird dargestellt, welche Vorstellungen mit diesem wirtschaftspolitischen Instrument verbunden sind. Dies beinhaltet vor allem Ausführungen zu den Merkmalen und Zielen solcher Zonen. Abschließend wird noch auf das Phänomen der Globali- sierung und deren Bedeutung für die Sonderwirtschaftszonen eingegangen. Im zweiten und dritten Abschnitt wird auf ökonomische Theorien eingegangen, die zur Erklärung der Wirkungsweise von Sonderwirtschaftszonen und von ihnen ausgehenden Effekten beitragen. Sie sollen verständlich machen, warum viele Staaten Sonderwirtschaftszonen als Instrument zur Regionalentwicklung einsetzen. Im darauf folgenden Abschnitt werden die Fallbeispiele China, Polen und Großbritannien in die Betrachtung einbezogen. Sie wurden bewusst gewählt, da sie erstens jeweils einen unterschied- lichen Entwicklungsstufe, zweitens auch teilweise verschiedene Wirtschaftssysteme repräsentieren. Mit diesen Ungleichheiten sind möglicherweise unterschiedliche Ziele, Wirkungen sowie Erfolge im Bezug auf Sonderwirtschaftszonen verbunden, die es aufzudecken gilt. Im abschließenden Teil geht es darum, die zuvor erarbeiteten Tatsachen, theoretischen Grundlagen und beispielhaften Entwicklungen auf Deutschland, vor allem Ostdeutschland zu übertragen. Dafür ist es notwendig, zuvor auf die wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands einzugehen, die Industrie- und Regionalpolitik zu be- leuchten und daraus mögliche zukünftige Entwicklungen abzuleiten. Hier muss dann geklärt werden, ob SWZ ein geeignetes Instrument zur Regionalentwicklung ist. Und wenn ja, wo die Errichtung solcher Zonen Erfolg versprechend sein kann. Erfolg heißt hier, den wirtschaftlichen Abschwung bzw. die wirtschaftliche Stagnation umzukehren und einen Konvergenzprozess in Richtung West- deutschland einleiten zu können.

2. Definition von Sonderwirtschaftszonen

Sonderwirtschaftszonen können allgemein definiert werden als „räumlich oder sachlich abgegrenzte Bereiche innerhalb einer Volkswirtschaft, in denen für die Produktion von Gütern oder die Herstellung von Leistungen andere Regeln gelten als in den übrigen Landesteilen“2.

Eine weitere Definition lautet folgendermaßen:

„SEZs are geographically or functionally limited parts of an economy in which rules and other institutions concerning the production and the distribution of goods and services differ from those in the rest of the economy. These special institutions are realized in order to promote and favour economic activities in a specific area. Generally, they offer both financial incentives, such as lower taxes and tariffs, and subsidies as well as the substantial deregulation of the legal and administrative framework or the provision of legal privileges”3 .

Die SEZs (special economic zones) sind aber nur eine Form einer Sonderwirtschaftszone. Wie aus Abbildung 1 hervorgeht, gehören sie zu den moderneren Formen, die sich aus älteren Formen von Sonderwirtschaftszonen entwickelt haben bzw. noch solche enthalten.

Eine ältere Form, die aber noch weltweit wirtschaftliche Bedeutung besitzt und auch im Rahmen dieser Arbeit eine große Rolle spielt, sind sog. „export processing zones“ (im Folgenden EPZs). Es handelt sich hierbei um „a relatively small, geographically spread area within a country, the purpose of which is to attract export- orientated industries, by offering them especially favourable investment and trade conditions as compared with the remainder of the host country. […] EPZs generally allow duty free entry of goods for re- export. Within the zone the physical infrastructure and all services necessary for manufacturing are provided […]“4 .

Beide Definitionen zeigen, dass sich SEZs und EPZs sehr ähnlich sind. Der markante Unterschied zwischen beiden ist die starke Konzentration auf exportaffine wirtschaftliche Aktivitäten in den EPZs, während in SEZs alle dort auftretenden wirtschaftlichen Aktivitäten in irgendeiner Weise gefördert werden.

Bei allen Formen von Sonderwirtschaftszonen geht es im Kern darum, einen Teil einer Volks- wirtschaft durch Schaffung von besonderen Voraussetzungen in einen wirtschaftlich prosperierenden Raum zu entwickeln. Dazu werden Investitions- und Produktionsbedingungen geschaffen, die günstiger sind, als die im restlichen Staatsgebiet herrschenden Bedingungen. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass durch diesen umfangreichen Standortvorteil, in der Zone eher mit einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung zu rechnen ist als in anderen Regionen des Landes. Der sich auf diese Weise ergebende Wirtschaftsaufschwung soll sich erstens auf den speziell definierten Bereich der Sonderwirtschaftszone auswirken, und dann auch zweitens in die regionale und schließlich drittens in die nationale Wirtschaft wirtschaftliche Entwicklungsimpulse induzieren. Probleme können sich erstens durch die Abhängigkeit des Erfolges einer solchen Zone von ausländischen Investitionen, oder zweitens durch den starken Wettbewerb der Zonen untereinander um eben diese Investitionen ergeben.

2.1 Die Evolution von Sonderwirtschaftszonen

5Aus Sicht Guangwen´s sind Sonderwirtschaftszonen eine Stufe auf dem Weg zur regionalen wirtschaftlichen Integration, die letztendlich in die globale wirtschaftliche Integration münden soll. Da die ökonomische Entwicklung der letzten Jahrhunderte durch stetig steigende Verflechtungen von Re- gionen und Staaten gekennzeichnet war und so immer mehr Regionen am wirtschaftlichen Entwick- lungs- und Integrationsprozess teilhaben konnten, hat sich auch der Charakter der Sonderwirt- schaftszonen geändert. Den zunehmenden internationalen wirtschaftlichen Verbindungen im Mittel- alter begegnete man bereits damals mit der Gründung von Sonderwirtschaftszonen. Natürlich werden sie heute anders charakterisiert, aber der ihnen zugrunde liegende Gedanke, d.h. die Gründung spe- zieller Räume, um in ihnen ökonomische Wertschöpfung zu betreiben, ist bereits im Mittelalter üblich gewesen.

Aufgrund der ökonomischen Entwicklung seit dem Mittelalter, die v.a. nach dem 2. Weltkrieg radikale Änderungen erfuhr, haben sich verschiedene Generationen von Sonderwirtschaftszonen entwickelt, deren Eigenschaften und Ziele stark mit der jeweiligen wirtschaftlichen Entwicklungsphase sowie den wirtschaftspolitischen Zielen korrelieren. Die Ursache dafür ist der Zusammenhang zwischen zonen- interner und -externer Ökonomie, denn „the development and the combination of external factors will change the internal factors, especially the leading sectors of FEZs; and the changed leading economic sector will once again promote the typological variation of FEZs, […], that existing FEZs will either disappear or be transformed, or new types of FEZs will create”6.

Guangwen hat sechs verschiedene Generationen von Sonderwirtschaftszonen7ausgemacht, die aus bisher fünf solcher entscheidenden ökonomischen Umbruchphasen8hervorgegangen sind (siehe Abbildung 1).

Schon im frühen Mittelalter wurden erste Sonderwirtschaftszonen in Form von Freihäfen und freien Städten gegründet. Die Gründung des Freihafens Marseille oder die Städte des Hanse- Bundes, z.B. Bremen und Hamburg, sind erste Beispiele aus dem 13. Jahrhundert. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurden solche freie Städte (free cities) und Freihäfen (free ports) gegründet, um den internationalen Handel voranzutreiben. Dieser wuchs beständig, was im Wesentlichen auf die Besiedlung Amerikas zurück zu führen war. Diese frühen Arten der Sonderwirtschaftszonen waren ausschließlich in Europa, und hier vor allem im Mittelmeer-, Nord- und Ostseeraum konzentriert. Im Zuge der industriellen Revolution spielte der Wirtschaftlichkeit von Produktion und Handel eine immer größere Rolle, auch weil das Handelsvolumen weiter stieg. Für den Anstieg des Handels sind die Kolonialmächte verant- wortlich, die aus den Kolonien Rohstoffe etc. ins Heimatland schifften. Wegen der globalen Koloni- sation entstanden auch auf anderen Kontinenten Freihäfen. Beispiele hierfür sind Asien (Singapur 1819, Hongkong 1841) und Afrika (Dschibuti 1859). Unter anderem wurde durch die industrielle Entwicklung bis in 20er Jahre des 20. Jahrhunderts auch die Transformation der freien Städte in Freihäfen oder Freihandelszonen9(free trade zone) gefördert. Die Basis der freien Städte, Freihäfen und Freihandelszonen war der Handel (traded-based), in ihnen wurden hauptsächlich solche wirtschaftlichen Aktivitäten ausgeübt, die Hafen affin waren, z.B. Lagerung, Import und Export von Schiffsgütern oder Reparatur von Schiffen.

Die Phase nach dem 2. Weltkrieg war von drastischen wirtschaftlichen und politischen Veränderungen gekennzeichnet, die auch Einfluss auf den Charakter der bestehenden und zukünftigen Sonderwirt- schaftszonen hatten. Charakteristisch für den Zeitraum bis ca. 1980 waren der Bedeutungsgewinn der Exportförderung sowie erste Outsourcingtendenzen der arbeitsintensiven Produktion in Richtung Entwicklungsländer, um von den dortigen niedrigen Arbeitskosten zu profitieren. Der Grund für die Öffnung der Wirtschaft im Rahmen einer exportfördernden Wirtschaftspolitik10lag in vielen Fällen an den schlechten Erfahrungen mit der Strategie der Importsubstitution11, die viele Entwicklungsländer in den 50er und 60er Jahren verfolgten, während gleichzeitig die asiatischen Tigerstaaten zeigten, wie erfolgreich die Exportförderung sein kann. Dementsprechend schien es einen positiven Zusammen- hang zwischen der Offenheit einer Wirtschaft und ihrem Wachstum, sei es das Wachstum der Export- wirtschaft und der Verflechtungen mit anderen Wirtschaftsbereichen, zu geben12. Aufgrund dieser Beobachtung entschlossen sich viele geringer entwickelten Staaten, dieser Strategie zu folgen. Daraufhin entstanden weltweit in vielen Entwicklungsländern Exportförderungszonen (export processing zones) (siehe Abbildung 2). Vor allem die weniger entwickelten Länder hofften, auf diese Weise ausländische Exportindustrien, Kapital und Technologien anziehen zu können, um damit die eigene industrielle und soziale Entwicklung voranzutreiben13. Typische Beispiele dieser Sonderwirt- schaftszonen sind die „free industrial zones“ in Ost- und Südostasien oder die „maquiladoras“ Mexikos. Die EPZs gehören zu den „manufacture- based“ FEZs, die aus den „traded- based“ FEZs hervorgingen und. In ihnen wird vorrangig für den Export produziert, hauptsächlich arbeitsintensive Produkte. Sie verfügen über zahlreiche Vergünstigungen (siehe Punkt 2.2.1), um im Rennen um auslän-dische Direktinvestitionen wettbewerbsfähig zu sein. Sie befinden sich wie die „trade- based“ FEZs in einem geographisch begrenzten Gebiet und haben idR den Charakter einer Enklave. Bis heute gehören sie mit zu den am häufigsten gebildeten Formen von Sonderwirtschaftszonen, wobei in der Literatur verschiedene Begriffe für diese Zonen zu finden sind, obwohl allen die Konzentration auf exportaffine wirtschaftliche Aktivitäten gemeinsam ist14.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Evolutionary Model of Free economic Zones since the 1500s15

Des Weiteren kam es in diesem Zeitraum zur Entwicklung sog. „service- based“ FEZs. „[…] the service- based FEZs is not geographically strictly delineated or separated from the surrounding host country’s territory […]. […] the major economic sectors are service trade such as finance, insurancetourist and other special services. The zone aims at recovering the vitality of some old economic centers or promoting the development of some economically backward regions”16 .

Im Zuge der weiteren politischen und ökonomischen Entwicklung entwickelten sich „science- based“ und „comprehensive“ FEZs als Sonderwirtschaftszonen der vierten bzw. fünften Generation. Verantwortlich dafür war die enorme technologische Revolution in Wissenschaft, Technik und Kommunikation. Die Gründung der wissenschaftsorientierten Sonderwirtschaftszonen ist Merkmal des Wandels von der arbeits- zur kapital- und technologieintensiven Wirtschaft. Das Paradebeispiel ist das Silicon Valley in den USA. Aber auch Technologie- und Gründerzentren, eng verflochten mit nahen Forschungsinstituten und einer Hochschule, die in vielen urbanen Regionen zu finden sind, sind Beispiele solcher „science- based“ FEZs. Bei den „comprehensive“ FEZs handelt sich um größere geographisch abgegrenzte Areale, die Merkmale aller vorherigen Generationen enthalten können. Die sechste Generation von Sonderwirtschaftszonen wird repräsentiert von sog. „cross- border“ FEZs. Diese Zonen befinden sich nicht mehr auf dem Staatsgebiet eines, sondern mehrerer Staaten. Für die ökonomische Entwicklung sowie Kooperation untereinander sind neben den betroffenen Regierungen auch große Unternehmen verantwortlich. Mit diesen Räumen werden langfristige makroökonomische und politische Ziele verfolgt, für deren Erreichen auch hier zahlreiche fördernde pekuniäre und nicht pekuniäre Instrumente genutzt werden.

2.2 Eigenschaften und Ziele von Sonderwirtschaftszonen

Dieser Abschnitt wird zeigen, dass die Ziele die Sonderwirtschaftszonen stark mit dem Entwicklungsstand des Staates, in dem diese errichtet werden und der dabei gewählten Form der Zone korrelieren. Zwar gilt, dass mit den meisten Formen von Sonderwirtschaftszonen in der Regel sehr ähnliche Ziele verbunden sind, aber es gibt dennoch in manchen Fällen Abweichungen. Für die Merkmale bzw. Eigenschaften, die charakteristisch für die einzelnen Typen sind, gilt ähnliches.

Allen Formen von Sonderwirtschaftszonen, die sich seit dem 20. Jahrhundert entwickelt haben, ist eines gemeinsam: als wirtschaftspolitisches Instrument werden sie eingesetzt, um in Regionen und Ländern, die Strukturprobleme oder Entwicklungsrückstände aufweisen, gezielt Wachstumspotentiale zu erschließen17. Das Wachstum der Zonen soll durch ausländische Investitionen induziert werden. Dafür müssen die Zonen zunächst attraktiv für etwaige Nachfrager sein. Dies wird durch ein qualitativ hochwertiges, breit gefächertes Angebot an Standortfaktoren in den Zonen gewährleistet, die sich in den meisten Fällen deutlich von den Bedingungen im übrigen Land abheben. Die Regierungen messen den Zonen entscheidende Bedeutung für eine schnellere Entwicklung, im Falle von unterentwickelten Staaten, bzw. eine erfolgreiche Wirtschaftstransformation, im Fall von Transformationsländern, bei. Durch den Zufluss an ausländischen Investitionen soll der Kapitalmangel der Binnenwirtschaft mehr als ausgeglichen werden. Gleichermaßen erhoffen sie sich auf diesem Weg u.a. die Zufuhr von moderner Technologie, Management- Skills, einen stärkeren Wettbewerb sowie eine schnellere Modernisierung und Industrialisierung. Dies alles soll letztendlich helfen, die Wirtschaftsentwicklung entscheidend voranzubringen, Zugang zu den Märkten der Industrieländer zu bekommen sowie vom Globalisierungsprozess zu profitieren18.

Seit dem 2. Weltkrieg bedienten sich immer mehr Länder der Sonderwirtschaftszonen, um die oben beschriebenen Ziele verwirklichen zu können. Das Wachstum beschränkte sich im weiteren Zeitver- lauf nicht nur auf Entwicklungsländer. Der Zerfall des Ostblocks führte dazu, dass auch immer mehr davon betroffene Staaten Sonderwirtschaftszonen errichteten. Viele Entwicklungsländer gründeten vor allem außenhandelsorientierte EPZs (Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Verteilung von export processing zones in Entwicklungsländern (Stand: 1994)19

Mit ihrer Gründung sind explizit die Integration des Landes in die internationale Arbeitsteilung, Technologietransfer, Schaffung von Arbeitsplätzen und exportabhängige Deviseneinnahmen beabsich- tigt. Diese Ziele können umso schneller erreicht werden, je stärker die Rückkopplung mit dem Rest der heimischen Wirtschaft sind. Aus Abbildung 3 wird ersichtlich, dass neben den Güter- und Finanz- strömen, die zwischen der Zone und der Binnenwirtschaft existieren, auch solche zwischen der Zone und dem Rest der Welt bestehen. Die Tatsache, dass viele EPZs den Charakter einer Enklave besitzen, sind allein die Ströme zwischen erstgenannten Parteien relevant für die Entwicklung der Binnenwirt- schaft. Da die meisten Staaten aber solche Zonen strikt von der restlichen Binnenwirtschaft trennen, wodurch erst der Enklaven- Charakter solcher Zonen hervorrufen wird, werden solche Verflechtungen (güterbezogen, finanziell) in der Regel von vornherein beschränkt oder ganz unterbunden. Dieses Paradoxon ist sozusagen typisch für EPZs, denn sie werden als Zonen charakterisiert, mit denen Vorteile aus einer exportorientierten Wirtschaftstätigkeit gezogen werden können, ohne die Position der bestehenden Produktionsunternehmen und –sektoren zu gefährden20.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.3: Das Enklaven- Modell von export processing zones (EPZs)21

Das Ergebnis der Entwicklung seit den 50er Jahren war ein enormer Zuwachs an speziellen Wirtschaftszonen in fast allen Regionen der Welt. Mit ihnen sollten durch Schaffung günstiger Investitionsbedingungen ausländische Investitionen angezogen werden, um

1. durch ausreichende Kapitalbildung ein angemessenes Wirtschaftswachstum zu erzeugen (gilt insbesondere für Entwicklungsländer);
2. die Systemtransformation hin zur Marktwirtschaft zu beschleunigen (Transformationsländer) und
3. Altindustrieregionen mit Strukturproblemen wieder zu beleben (Industrieländer).

Das sind vereinfachend formuliert die drei primären Ziele, die mittel- bis langfristig mit Hilfe von Sonderwirtschaftszonen erreicht werden sollen. Beim Vergleich verschiedener Typen von Zonen sind allerdings Unterschiede hinsichtlich der Vorgehenswiese zur Zielerreichung, und demzufolge auch den dabei eingesetzten Mitteln augenscheinlich. Diese Unterscheide kommen zustande, wenn der (die) dominierende(n) Wirtschaftssektor(en) in der Zone ein anderer ist22. Ein kurzer Abriss macht dies deutlich: beispielsweise dienen Freihäfen der Erleichterung der Handelstätigkeit, vor allem im Zusammenhang mit der Transport- und Umschlagfunktion von Hafenanlagen. Dies steht aber im Kontrast zu dem mit „enterprise zones“ verbundenen Zweck, welche bevorzugt in Industrieländern als ein regionalpolitisches und –ökonomisches Instrument zur Regionalentwicklung eingerichtet werden. Wiederum auf anderem Weg sollen freie Bank- und Versicherungszonen oder Technologie- parks einen Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung der Zone bzw. der heimischen Wirtschaft leisten. Mit ersteren sollen die internationale Wettbewerbsfähigkeit von heimischen Bank- und Versicherungs- unternehmen gestärkt, mit letzterem vor allem der Wissenstransfer sowie die Wissensdiffusion gefördert werden23. Einen geeigneten Überblick über die mit der Politik der Sonderwirtschaftszonen zusammenhängenden Ziele, die sich in Abhängigkeit von der Ausprägung der einzelnen Sonder- wirtschaftszone wandeln, zeigt Tabelle 1. Dabei wird zwischen Zielen auf der Mikro- und Makroebene unterschieden.

Tab.1: Sonderwirtschaftszonen und deren Ziele24

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit dem zahlenmäßigen Wachstum von Sonderwirtschaftszonen geht ein zunehmender Wettbewerb unter den Zonen um ausländische Investitionen einher. Das spielt für den wirtschaftlichen Erfolg einer solchen Zone eine große Rolle. Da der Großteil der ausländischen Direktinvestitionen immer noch zwischen Industrieländer fließt, ist das Investitionsvolumen, um welches sich zahlreiche Sonderwirt- schaftszonen in Entwicklungsländern bemühen, als vergleichsweise gering zu bezeichnen25. Es ist deshalb im Sinne jeder einzelnen Zone standortspezifische Wettbewerbsvorteile zu entwickeln, damit sie für möglichst viele ausländische Unternehmen attraktiv sind. Der Wettbewerbsdruck wird weiter- hin auch dadurch initiiert, dass die Firmen, die sich ein Engagement in Sonderwirtschaftszonen vor- stellen können, oft den Charakter von „footloose industries“26 haben. Damit verbunden ist deren Standortneutralität bzw. -mobilität. Damit haben die Sonderwirtschaftszonen die schwierige Aufgabe, die besten Standortbedingungen anbieten zu müssen, denn ansonsten wandern diese Unternehmen schnell wieder ab. Hierfür haben die Zonen ein breit gefächertes Instrumentarium zur Verfügung (siehe 2.2.1).

2.2.1 Instrumentarium in Sonderwirtschaftszonen

Der Typisierung von Busch folgend, sind die in Sonderwirtschaftszonen geschaffenen Anreize bzw. besonderen Standortbedingungen prinzipiell in solche finanzieller und nicht finanzieller Art differen- zierbar. Diese Sonderkonditionen, die ausschließlich innerhalb der Zone gelten, begünstigen die dort durchgeführten Tätigkeiten, sei es Import, Export, Produktion oder Lagerung.

In der Literatur sind vier Gruppen auszumachen, denen die verschiedenen Arten von Standortvorteilen zugeordnet werden können. Das sind:

1. Steuer- (Zoll)befreiungen oder –erleichterungen,
2. Subventionen,
3. Deregulierung des nationalen Rechtsrahmens und
4. hochwertige Infrastruktureinrichtungen.

zu 1.: Die Realität zeigt, wie auf vielfältige Weise, finanzielle Anreize in Form von Steuerer- leichterungen und –befreiungen angeboten werden. Zollfreiheit wird vielen Unternehmen beim Import von in der Zone benötigten Rohstoffen oder Vorprodukten gewährt. Es kann auch vorkommen, dass importierende Unternehmen nicht von Beschränkungen in Form von Einfuhrkontingenten betroffen sind. Gleichermaßen ist es vor allem in EPZs üblich, die exportierenden Unternehmen auch von der Zahlung von Exportsteuern für zu exportierte Halb- oder Fertigfabrikate zu befreien. Ein weiterer exportbezogener Anreiz ist die Beteiligung exportorientierter Unternehmen an Einfuhrkontingenten in andere Staaten. Das eröffnet den Unternehmen die Chance, auf im Grunde zugangsbeschränkten Märkten tätig werden zu können. Ferner können die in der Zone ansässigen Unternehmen von der Befreiung von der Einkommenssteuer profitieren. Ob es sich dabei um die komplette Befreiung oder nur geringere Einkommenssteuerpflichten, sowie deren zeitliche Befristung, ist von Land zu Land unterschiedlich geregelt. In den meisten Fällen werden diesbezügliche Vorteile für einen Zeitraum von 3 bis 10 Jahren angeboten. Jedoch ist es in der Praxis üblich, dass davon betroffene Unternehmen über eine Verlängerung der Fristen verhandeln. Um die Verlängerung zu realisieren, drohen sie unter Umständen auch mit der Verlagerung in eine andere Sonderwirtschaftszone27.

zu 2.: Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, wie Unternehmen in Sonderwirtschaftszonen subven- tioniert werden. Dies betrifft nicht nur den direkten Zufluss von Subventionsgeldern. Auch die kosten- lose oder verbilligte Bereitstellung von Produktionsfaktoren ist eine gebräuchliche Form der Subven- tion, denn dadurch müssen die Firmen weniger bzw. nichts an finanziellen Mitteln aufwenden. In den Sonderwirtschaftszonen mancher Länder werden Unternehmen durch einen direkten Mittelzufluss subventioniert, wenn sie z.B. bestimmte Güter/ Rohstoffe einführen oder möglichst viele un- oder wenig ausgebildete Personen beschäftigen. Indirekt subventioniert werden die Unternehmen durch günstigere Immobilien, Kreditangeboten zu besseren Konditionen, bessere Abschreibungs- möglichkeiten, niedrigere Strom- und Mietpreise oder staatlich subventionierte Niedriglöhne.

zu 3.: Typisch für diese Form der Attraktivitätssteigerung sind der Abbau von bürokratischen Pflichten sowie bessere administrative Regelungen. Der Wegfall bürokratischer Hürden kann viele Rechtsbereiche betreffen, sei es das Planungs-, Bau-, Arbeits- oder Wirtschaftsrecht. Zu den charakte- ristischen durch bürokratische Vereinfachungen geschaffenen Standortvorteilen zählen schlankere Planungs- und Genehmigungsverfahren, Erlaubnis der vollen oder teilweisen Repatriierung von in den Zonen erwirtschafteten Erträge, Wegfall von Beschränkungen hinsichtlich der ausländischen Beschä- ftigten im Managementbereich oder der Eigentumsverhältnisse von Unternehmen28. Warr (1990) erwähnt zudem, dass in EPZs oft eine separate Verwaltung eingerichtet wird, die die Interaktion zwischen der Staatsregierung und den Unternehmen vereinfachen soll. Dies soll unternehmerische Verwaltungskosten einsparen und unnötige und kostenaufwendige Produktionsbehinderungen vermeiden helfen26.

zu 4.: Sonderwirtschaftszonen zeichnen sich auch durch Infrastrukturbedingungen aus, die in der Regel deutlich höhere Qualität besitzen, als Vergleichbares außerhalb der Zone. Das trifft für die Verkehrs- sowie die Kommunikationsinfrastruktur zu.

Die letztendlich gewährten Vorteile, deren Befristung etc., sind von Land zu Land, teilweise auch von Zone zu Zone unterschiedlich. Zu den EPZs als eine besonders weit verbreitete Form der Sonderwirt- schaftszone ist noch zu sagen, dass in den meisten Fällen dort tätige Unternehmen nur unter der Bedingung des nahezu vollständigen Export der Produktion, in den Genuss spezieller Vergünsti- gungen kommen. Erleichterungen von steuerlichen oder sonstigen unternehmerischen Pflichten können auch explizit für bestimmte Sektoren und nicht generell für den gesamten Raum der Sonder- wirtschaftszone ausgesprochen werden. Es gibt freie Bankenzonen, für welche spezielle Bedingungen, wie zum Beispiel der Wegfall von Vorschriften bezüglich Mindestreserven, Eigenkapital und Zinsen formuliert worden sind29.

2.3 Typisierung von Sonderwirtschaftszonen

Aufgrund der doch Bandbreite an Aufgaben und Zielen, die mit der Einrichtung von Sonderwirt- schaftszonen verbunden werden, gibt es verschiedene Typen nebst unzähligen Bezeichnungen30von ihnen. Teilweise unterscheiden sie sich in der Größe und der Brachendifferenzierung, aber in der Regel ist der Zweck ihrer Gründung der gleiche.

Exportfreizone, Exportförderungszone, Wirtschaftssonderzone, spezial investment area, export- processing zone, foreign trade zone, industrial enclave, industrial free zone, duty free zone, zones franches industrielles d´exportation, zonas francas de industriales, industrias de maquila, Zonen freier Wirtschaftsaktivität, freie Wirtschaftszonen, free economic zone, economic activity zone sollen nur eine Auswahl darstellen.

Dennoch wird versucht Sonderwirtschaftszonen mit Hilfe einiger Kriterien zu klassifizieren. Bevor im Folgenden drei zum Teil verschiedene Klassifikationen näher betrachtet werden, ist die Typisierung von Busch zu nennen, da sie die zwei klassischen Beispiele von Sonderwirtschaftszonen beinhaltet. Busch (1992)31hat zwei grundsätzliche Arten von Sonderwirtschaftszonen ausgemacht. Zum einen solche Zonen, in denen versucht wird, mit Hilfe finanzieller Anreize unterschiedlicher Art, Unterneh- men zur Niederlassung zu bewegen. Dem gegenüber steht ein weiterer Typ von Sonderwirtschafts- zone, welche nicht auf finanzielle Vergünstigungen setzt, sondern die Deregulierung der wirtschaft- lichen Aktivität in den Vordergrund stellt und so Unternehmen und Investitionen anziehen will.

Beide Formen werden in der Realität nicht strikt voneinander getrennt, sondern es werden in den meisten Fällen Zonen eingerichtet, die gleichzeitig mit pekuniären und nicht pekuniären Anreizen ausgestattet sind.

2.3.1 Typisierung nach Gabrisch

Neben dieser grundlegenden Unterteilung von Busch werden auch andere Kriterien genutzt, um Sonderwirtschaftszonen zu differenzieren. Gabrisch (1990) beispielsweise unterscheidet sie anhand ihrer Begrenzung, d.h. einerseits nach der gebietsmäßigen, andererseits nach der subjektbezogenen Abgrenzung (Tabelle 2).

Tab. 2: Typologie von Sonderwirtschaftszonen32

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3.2 Typisierung nach Röhl

Röhl (2004) hat sich bei seiner Typologisierung der verschiedenen Formen von Sonderwirtschaftszonen an einer Studie der UNCTC33 orientiert. Bei dieser wird die „starke Ausrichtung am entwicklungspolitischen Leitbild der SWZ“34 deutlich. Einen Auszug aus diesem Typenkatalog zeigt Tabelle 3.

Tab.3: Typologie von Sonderwirtschaftszonen (nach Röhl)35

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3.3 Typisierung nach Guangwen

Die Klassifikation von Guangwen unterscheidet sich von den beiden vorherigen Beispielen.36 Wie aus Abbildung 4 hervorgeht, sind die „free economic zones“ für den Autor die übergeordnete Form von Sonderwirtschaftszonen, die sich aufgrund ihrer räumlichen Struktur in einen „territorial type“ und einen „regime type“37 unterteilen lassen. Der territoriale Typ befindet sich in einem sepziell defi- nierten Territorium, ausgestattet mit qualitativ hochwertiger Infrastruktur und Verwaltungseinrich- tungen sowie besser ausgebildeten Arbeitskräften. Des Weiteren ist der „territorial type“ anhand der Stärke der Verflechtungen mit der inländischen Wirtschaft differenzierbar in einen „offenen Typ“ und einen „Enklaven- Typ“.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.4: Territorial and Regime Types of FEZs and their typical zones38

Der Enklaven- Typ ist streng definierter Raum, welcher geringere Verflechtungen mit der Binnenwirt- schaft als der offene Typ aufweist. Der offene Typ ist nicht streng definiert und muss auch nicht strikt von der heimischen Wirtschaft getrennt sein. Aus der Abbildung wird auch deutlich, dass beispiels- weise „spezial economic zones“ Merkmale beider Typen in sich vereinen. Ferner klassifiziert Guangwen den territorialen Typ unter Zuhilfenahme der Variablen:

- Bedeutung des industriellen Sektors für die Zone39,
- Standort der Zone40und
- evolutionäre Entwicklungsphase der Zone41weiter aus.

2.3.4 Fazit

Die dargelegten Typisierungen zeigen, wie unterschiedlich Sonderwirtschaftszonen definiert werden können, obwohl ihnen i.a. der gleiche Sachverhalt zu Grunde liegt. Gleichzeitig sind auch die Dar- stellungen und Erläuterungen in der Literatur sehr unterschiedlich, wie die hier aufgeführten Beispiele zeigen. Beispielsweise sind die freien Bank- und Versicherungszonen, die Gabrisch noch unterschied, bei Röhl im Typ der sektoralen Sonderzone vereint. Für Guangwen z.B. ist die „free economic zone“ die übergeordnete Form der Sonderwirtschaftszone, während in den anderen beiden Fällen kein klares Hierarchieverhältnis zwischen den einzelnen Formen erkennbar ist. Auch ist die Zuordnung der regionalen Beispiele zu einer konkreten Form einer Sonderwirtschaftszone partiell schwierig. Eine Ursache dafür kann sein, dass das Beispiel noch eine andere Form einer wirtschaftlichen Sonderzone beinhaltet.

Der Flughafen „Shannon“42 in Irland ist ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich der Status einer Sonderwirtschaftzone gedeutet werden kann. Für Röhl ist der Flughafen das Beispiel einer Zone freier Wirtschaftsaktivität, während Gabrisch ihn zu den Exportförderungszonen zählt. Mikus (1994)43bezeichnete ihn sogar als „free trade zone “, was aber zu Irrtümern führen kann. Die Bezeichnung darf nicht mit einer Freihandelszone im engeren Sinn verwechselt werden. Im Kontext der Sonderwirt- schaftszonen kommt dieser Begriff eher einer Exportzone bzw. einem Zollfreigebiet nahe, womit eine „räumlich abgegrenzte Enklave innerhalb eines Landes“ gemeint ist, „in die Importe zoll- und verbrauchssteuerfrei sowie ohne mengenmäßige Beschränkungen eingeführt werden können“44. Eine Freihandelszone i.e.S. stellt dagegen ein Zusammenschluss mehrerer Länder zu einem Wirtschafts- raum dar, in dem der Außenhandel der Länder untereinander keinen Beschränkungen unterworfen ist45.

Alle diese Punkte erschweren es, den Überblick über die Thematik zu behalten. Bezug nehmend auf Abschnitt 2.1 sind für die weitere Betrachtung nicht alle Formen bzw. Generationen von Sonderwirt- schaftszonen relevant. Im weiteren Verlauf werden hauptsächlich die „manufacture- based“ und die „ comprehensive“ FEZs eine Rolle spielen, da es sich hierbei um die Typen handelt, die in den Fallstudien China, Großbritannien und Polen zu finden sind. Bei der Betrachtung der Volksrepublik China werden noch einige andere Formen erwähnt, da China besonders viele und vielfältige Formen von Sonderwirtschaftszonen beheimatet.

2.4 Sonderwirtschaftszonen und Globalisierung

Die weltwirtschaftliche Vernetzung, die den Globalisierungsprozess auszeichnet, spiegelt sich sehr schön in der quantitativen Zunahme der Sonderwirtschaftszonen wider. Das liegt vor allem daran, dass sich mit der Globalisierung auch der internationale Strom von Direktinvestitionen enorm angewachsen ist. Diese sind bekanntlich im Fokus der Staaten, die Sonderwirtschaftszonen gegründet haben. Diesem Abschnitt geht eine kurze Charakteristik des Globalisierungsprozesses voraus.

2.4.1 Die Globalisierung

Die OECD bezeichnet die Globalisierung als einen „Prozess, durch den Märkte und Produktion in verschiedenen Ländern immer mehr voneinander abhängig werden – dank der Dynamik des Handels mit Gütern und Dienstleistungen und durch die Bewegung von Kapital und Technologie“46. Der Begriff an sich wurde erst in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts populär, obwohl die Anfänge der Globalisierung bereits in der Nachkriegszeit liegen. Der heutigen weltweiten Vernetzung von Güter-, Dienstleistungs- und Finanzmärkten wäre ohne vorherige staatliche Entscheidungen, die erst die außenwirtschaftliche Liberalisierung und Deregulierung ermöglichten. Es begann 1944 mit der Etablierung internationaler Institutionen, wie dem Internationalem Währungsfonds und der Weltbank, die für die Mitgliedsstaaten einheitliche Rahmenbedingungen schufen und zum Abbau von Inter- aktionshemmnissen beitrugen. Besonders wichtig war auch die Inkraftsetzung des GATT47im Jahr 1948. Dieses trug sehr stark zur weltweiten Handelsliberalisierung bei, denn in mehreren Runden wurden mengenmäßige und tarifäre Handelsbeschränkungen abgebaut. Ein weiterer wichtiger Bau- stein für die Globalisierung ist der technologische Fortschritt. Durch nationale und internationale Nutzung technischer Neuerungen im Bereich Verkehrs- und Kommunikationsstruktur konnten Trans- port- und Transaktionskosten drastisch gesenkt werden. Das bot Unternehmen, die zuvor aufgrund der finanziellen Belastungen durch Transport und Interaktion nicht an einem Auslandsengagement interes- siert waren, die Chance durch Produktionsverlagerung Herstellungskosten zu senken oder sich Zutritt zu neuen Absatzmärkten zu verschaffen. Dass dies auch vermehrt geschieht, zeigen die seit Jahr- zehnten bestehenden Unterschiede zwischen ausländischen Direktinvestitionen (ADI) und dem Bruttosozialprodukt (BSP). Die ADI, Indikator für internationale Interaktionen, wachsen im Vergleich zum BSP, welches die weltwirtschaftliche Leistung ausdrückt, überproportional stark an (Abbildung 5). Auch die Entwicklungsländer erhalten durch die Globalisierung die Möglichkeit, sich durch Spezialisierung auf die Produktion arbeitsintensiver Produkte Entwicklungspotentiale zu generieren.

[...]



1 Beispielhaft sei hier nur die Stellungnahme des Präsidenten des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans- Werner Sinn im „Focus- Money“ erwähnt, der sich für die Schaffung einer Sonderwirtschaftszone Ost aussprach. (Quelle: http://www.wiwo.de/pswiwo/fn/ww2/sfn/buildww/elemid/10/searchno/0/id/1301/SH/ 33740105dfb231a05d0a6aac49b364/depot/0/index.html, 25.11.05)

2 Busch, 1992, 8, in: Röhl, 2004, 6.

3 Ahrens und Meyer- Baudeck, 1995, 88: in: Knoth, 24.

4 Knoth, 23.

5 vgl. Guangwen, 25-54.

6 Guangwen, 26.

7 Gunagwen meint damit „free economic zones“.

8 Die letzte Entwicklungsphase ist nicht eingezeichnet, da sie nicht relevant für die Thematik ist. Es handelt sich dabei um die Phase der Entwicklung in Richtung Freihandelszone i.e.S. und Wirtschaftsunion (EU).

9 Damit ist nicht eine Freihandelszone, wie z.B. die Nafta gemeint. Zur Erläuterung siehe Punkt 2.3.4.

10The Asian Tiger countries followed an export promotion policy, focussing on the active encouragement of industrial production for export markets, combining an increasing market mechanism with a strong industrial policy. Part of the policy was that trade barriers were lowered and that the countries were opened for foreign competition so that the domestic enterprises were more integrated into the international markets” (Knoth, 5f).

11 In den meisten Fällen waren bei dieser Politik nicht die erwünschten Effekte bezüglich einer positiven Wirtschaftsentwicklung und der Erhöhung des Lebensstandards zu beobachten, denn die Konzentration auf die Binnenwirtschaft schreckte exportorientierte Unternehmen mitsamt dem dazugehörigen Investitionsvolumen ab. Dadurch waren die mit der Importsubstitution zusammenhängenden Ziele praktisch nicht erreichbar.

12 vgl. Knoth, 5.

13 „Both DCs and LDCs selected suitable locations to realize this transferring process. Relying on favourable geographical position and transport facilities, industrial basis, preferential policy and very efficient administrative systems, EPZs became the ideal location for this capital, fund, and trade transfer” (Guangwen, 31).

14 Zum Beispiel werden solche außenhandelsorientierten Zonen auch als Zonen freier Exportaktivität, Exportförderungszonen bezeichnet. Im Folgenden werden sie alle unter der geläufigsten Bezeichnung „export processing zones“ zusammengefasst.

15 Quelle: Guangwen, 54. (EDTZ: economic and technological development zone; ECZ: economic cooperation zone; GT: growth triangle)

16 Guangwen, 34.

17 vgl. Röhl, 4.

18 Diese Ziele entsprechen den Vorstellungen der Entwicklungsländer sowie den Transformationsländern. Industrieländer verbinden mit Sonderwirtschaftszonen andere Absichten.

19 Vorlesungsskript, Thomi. W.

20 vgl. Röhl, 8; Warr, 135-145.

21 Quelle: Warr, 145.

22 Einen guten Anhaltspunkt dafür liefert die Typisierung von Guangwen (siehe Abbildung 1). Aus dessen Bezeichnungen (trade- based, manufacture- based, …) kann entsprechendes geschlussfolgert werden. Die modernen Formen (ab comprehensive FEZs) zeichnen sich dadurch aus, dass in ihnen wirtschaftliche Aktivitäten fast aller Wirtschaftsbereiche stattfinden.

23 vgl. Knoth, 22.

24 Quelle: Guangwen, 47. In vertikaler Richtung zeigen die Ziele beider Ebenen ebenfalls Weiterentwicklungen, wie es auch für die Typen von Sonderwirtschaftszonen gilt.

25 siehe Knoth, 6.

26 Für die der footloose industry zuzurechnenden Branchen ist es in der Regel gleichgültig, wo ihre Produktionsstätten liegen. Die in der Produktion eingesetzten Materialien sind entweder Ubiquitäten oder haben weit gestreute Herkunftsorte (Diercke, 224).

27 vgl. Warr, 136.

28 In Sonderwirtschaftszonen kann es im Gegensatz zum restlichen Land erlaubt sein, dass ein Unternehmen vollständig im Besitz ausländischer Personen bzw. Mutterunternehmen ist.

29 vgl. Röhl, 9.

30 In der Literatur sind zahlreiche sinnverwandte Begriffe zu finden, mit deren Errichtung im Großen und Ganzen die gleichen Ziele verfolgt werden, wie im Falle der Sonderwirtschaftszonen. Darunter sind teilweise Bezeichnungen für übergeordnete Formen, die mehrere untergeordnete Formen zusammenfassen, zum anderen überschneiden sich die Begriffe auch. Die Begriffe Exportfreihandelszone, Freie Produktionszone,

31 in Röhl, 2004, 7.

32 Quelle: Gabrisch, 3.

33 UNCTC = United Nations Center on Transnational Cooperations. Die Studie enthält 22 verschiedene Bezeichnungen, wovon aber die Hälfte stark mit der Definition einer Exportförderungszone korrelieren (vgl. Röhl, 7).

34 Röhl, 2004, 7.

35 Quelle: Röhl, 9.

36 vgl. Guangwen, 18-23.

37 “[…] he regime type makes it possible to development a strong linkage with the local economy, and let foreign firms freely choose the optimal location for their activities” (Guangwen, 19).

38 Quelle: Guangwen, 20.

39 Dadurch ergeben sich folgende Formen: trade-, manufacture-, service-, science- based and comprehensive free economic zone.

40 Hier unterscheidet Guangwen je nach Lage der „free economic zone“ beispielsweise zwischen küstennahen,

Binnen-, urbanen Standorten.

41 siehe Punkt 2.1.

42 Der Flughafen „Shannon“ gilt heute als exzellentes Beispiel für die Politik der Sonderwirtschaftszonen. Dem Bedeutungsverlust, den der bis Ende 1950 für den Transatlantik- Flugbetrieb bezüglich Wartung, Frachtlagerung und Verteilung unentbehrliche Flughafen, mit Einsetzen des Jet- Zeitalters erlitt, wurde mit der Ernennung zur Sonderwirtschaftszone im Jahre 1959 begegnet. Diese Zone enthielt auch eine Exportproduktionszone, welche die erste ihrer Art überhaupt war (vgl. Kraus, 2002, 8). Im Zeitverlauf siedelten aufgrund der Vergünstigungen zahlreiche internationale Unternehmen auf dem Flughafengelände. Dadurch entwickelte sich der Standort zur „Keimzelle“ (Röhl, 9) eines gesamtwirtschaftlichen Wandels, dem Irland im Endeffekt das höchste Wirtschaftswachstum in der EU in den 90er Jahren zu verdanken hatte.

43 Mikus, 1994, 574.

44 Busch, 1992, 5; in: Röhl, 8.

45 vgl. Diercke, 228.

46 Plate, von, 2003, 3.

47 = Allg. Zoll- und Handelsabkommen.

0 comments

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *